Gesetzliche Rentenversicherung 2

Erwerbsminderungsrente: Erneute Verbesserung

Erwerbsminderungsrentner werden künftig deutlich besser gestellt. Für ältere mit gesundheitlichen Handicaps fällt die Rente wegen Erwerbsminderung – soweit Anspruch hierauf besteht – erheblich höher aus als die vorzeitigen Altersruhegelder. Die Regelungen gelten nur für Neurentner.

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Älterer Arbeitnehmer
09.01.2019
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Das entscheidende Stichwort bei der Reform der Rente wegen Erwerbsminderung (EM) heißt „Zurechnungszeit“. Diese Zeit ist wichtig, weil eine EM derzeit im Durchschnitt schon mit 51 Jahren eintritt – also in einem Alter, in dem die Betroffenen erst geringe Rentenansprüche erworben haben. Die Zurechnungszeiten sollen die Lücke zwischen dem Eintritt der Erwerbsminderung und dem Rentenalter zumindest einigermaßen schließen. Sie stellen die Erwerbsgeminderten so, als hätten sie weiterhin mit dem bisherigen Durchschnittsverdienst (der jeweils in Relation gesetzt wird zum Durchschnittsverdienst aller Rentenversicherten) Beiträge an die Rentenkasse abgeführt.

2018 endete die Zurechnungszeit für neue EM-Rentner/innen bei 62 Jahren und drei Monaten. Ab 2019 läuft sie bis zum regulären Rentenalter. Das liegt in diesem Jahr bei 65 Jahren und 8 Monaten. Damit wird die (Versicherungs-)Lücke für neue EM-Rentner jetzt vollständig geschlossen.

Zur Erläuterung: Mit 65 Jahren und acht Monaten können Versicherte des Jahrgangs 1954 im Jahr 2019 die reguläre Altersrente (ohne Abschläge) erhalten. Ab 2020 steigt die Zurechnungszeit für Erwerbsminderungsrentner/innen bis 2027 in jedem Jahr um einen Monat, danach jährlich sogar um zwei Monate (parallel zum Anstieg der regulären Altersgrenze). Dieser Prozess endet im Jahr 2031, wenn die reguläre Altersgrenze von 67 Jahren erreicht ist.

Die Verlängerung der Zurechnungszeit in einem Schritt wird EM-Rentnerinnen und Rentnern mit einem Rentenbeginn ab dem Jahr 2019 nach den Berechnungen der Deutschen Rentenversicherung im Schnitt monatlich etwa 70 Euro mehr Rente bringen. Die meisten Erwerbsminderungsrentner/innen müssen allerdings bei ihrer Rente noch einen Abschlag von 10,8 % hinnehmen. Das gilt 2019, wenn sie die EM-Rente vor dem Alter von 61 Jahren und zwei Monaten in Anspruch nehmen. Bei einem Renteneintritt ab 64 Jahren und zwei Monaten gibt es die EM-Rente abschlagsfrei. Für langjährig Versicherte gibt es die EM-Rente bereits bei einem Renteneintritt mit 63 Jahren abschlagsfrei.

Folgendes Beispiel zeigt, wie dabei gerechnet wird:

Ein Arbeitnehmer erhält ab Januar 2019 im Alter von genau 50 Jahren Erwerbsminderungsrente. Zu diesem Zeitpunkt hat er 30 Entgeltpunkte (EP) auf seinem Rentenkonto. Aus seinem Konto ergibt sich weiter, dass er bis zu diesem Zeitpunkt pro Versicherungsjahr genau einen EP erarbeitet hat. Ihm werden (bis zum Alter von 65 Jahren und acht Monaten) 15 Jahre und 8 Monate Zurechnungszeit anerkannt. Damit kommt er auf 15 2/3 weitere Entgeltpunkte, insgesamt also auf 45 2/3 EP.

Eine abschlagsfreie Erwerbsminderungsrente wird 2019 an Neurentner nur dann gezahlt, wenn diese bei Renteneintritt mindestens 64 Jahre und 2 Monate alt waren.

Für jeden Monat des vorzeitigen Bezugs dieser Rente werden 0,3 % Rentenabschlag fällig – maximal aber 10,8 %. Dieser Maximalsatz gilt derzeit, wenn die Rente mit 61 Jahren und zwei Monaten oder vorher bezogen wird – so wie im Beispielfall. Von den 45 2/3 EP werden im Beispielfall damit 10,8 % abgezogen. Das sind 4,93 EP. Es bleiben damit nur 40,74 EP. Das bringt nach dem derzeitigen Stand in Westdeutschland eine monatliche Rente in Höhe von 1.304,90 €. Hiervon gehen noch Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung ab. Zum Vergleich: Nach dem bis Ende 2018 geltenden Recht wäre die Rente auf Basis von 37,687 EP berechnet worden.

Achtung: Vertrauensschutz für rentennahe Versicherte

Für die meisten älteren Versicherten gilt jedoch noch eine günstigere Regelung. Sie können eine Erwerbsminderungsrente nach wie vor bereits mit 63 Jahren abschlagsfrei erhalten. Der Maximalabschlag von 10,8 Prozent wird in ihrem Fall erhoben, wenn sie die EM-Rente mit 60 Jahren oder früher erstmals erhalten. Diese Vertrauensschutzregelung (in § 77 SGB VI) gilt für diejenigen, die 35 Jahre mit Pflichtbeiträgen und Berücksichtigungszeiten (vor allem wegen Kindererziehung) sowie bestimmte Anrechnungszeiten oder auch Ersatzzeiten zurückgelegt haben. Ab 2024 profitieren von dieser Regelung nur noch erwerbsgeminderte Versicherte, die 40 Jahre mit solchen Zeiten nachweisen können. Diese Voraussetzungen erfüllen die meisten 60 bis 65-jährigen Arbeitnehmer.

Nur für Neurentner
Die jetzt erfolgte Anhebung der Zurechnungszeiten gilt allerdings nicht für diejenigen, die bereits Ende 2018 eine Erwerbsminderungsrente bezogen haben. Auch wenn die EM-Rente nach einer zunächst befristeten Bewilligung erneut zugestanden wird (ggf. dann auch unbefristet) handelt es sich nicht um einen Neuantrag. Es bleibt dann also bei der bisherigen schlechteren Regelung der Zurechnungszeiten.

Erwerbsminderungsrente lohnt sich mehr als vorzeitiges Altersruhegeld
Arbeitnehmer/innen ab 61, die gesundheitliche Handicaps haben, sollten prüfen, ob für sie die EM-Rente in Frage kommt. Denn die EM-Rente fällt für sie jetzt deutlich höher aus als eine – alternativ dazu beantragte – vorzeitige Altersrente.

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