Kurzinterview Detlev Uthe

Teil 2: Detlev Uthe

"Nur Tarifverträge liefern beim Thema Aufstockung wirklich Sicherheit"

Kai Müller

Detlev Uthe ist gelernter Elektriker und hat nach seiner Ausbildung in verschiedenen Betrieben, u.a. in der chemischen Industrie, gearbeitet.
Im Jahre 1997 wurde Detlev zum Betriebsrat gewählt und konnte Erfahrungen als BR, GBR EBR und Wirtschaftsausschussmitglied sammeln. Seit November 2014 ist Detlev als Gewerkschaftssekretär bei der IG BCE tätig. Zunächst im Bezirk Saarbrücken und seit August 2019 ist er im Bezirk Mittelrhein im Einsatz.

Hallo Detlev. Du bist seit August letzten Jahres im IG BCE Bezirk Mittelrhein im Einsatz. Kannst du knapp erläutern mit welchen Themen sich Betriebsräte und Mitglieder – vor Ausbruch der Corona-Krise – an dich gewandt haben?

Hallo Moschgan. Ja, die Themen sind da wirklich querbeet gestreut. Es gab vor Corona eigentlich keine Schwerpunkte bei denen man sagen könnte, im Bezirk Mittelrhein gibt es ganz spezielle Themen.

Beispielsweise lag das Thema Kurzarbeit bei mir schon im November letzten Jahres auf dem Tisch. Daraufhin haben wir eine spezielle Schulung für Betriebsräte zum Thema Kurzarbeit angeboten.

Häufig waren auch BEM-Gespräche, also das betriebliche Eingliederungsmanagement, Thema oder eben auch Tarifgeschichten, also die Einführung in die Tarifbindung, Tarifverhandlungen bis hin zur Gründung von Betriebsräten. Die Themen sind wirklich immer sehr vielfältig.

Kamen die Fragen zu den BEM-Gesprächen eher von unseren Mitgliedern oder sind Fragen zu BEM-Gesprächen eher bei den Betriebsräten zu verorten?

Die Fragen kamen schon eher von den Betriebsräten. Da geht es dann meist darum, Vorschläge von Seiten des Arbeitgebers gemeinsam mit den Betriebsräten kritisch zu hinterfragen und Dinge herauszuarbeiten, die einen Nachteil für den oder die Beschäftigten darstellen.

Und was gibt es für weitere Themen mit welchen sich insbesondere Betriebsräte an dich wenden?

Es ergeben sich auf jeden Fall immer wieder Fragen zum Thema Datenschutz oder auch Kündigung. Beim Thema Kündigung kommt dann die Frage auf, wie Betriebsräte kollektivrechtlich gegen Kündigungen vorgehen können.

Das Thema Kündigung ist natürlich auch ein Thema, mit dem sich ArbeitnehmerInnen direkt an uns als Gewerkschaft wenden. Hier suchen wir mit dem Mitglied individualrechtliche Lösungen bis hin zum Rechtsschutz. Das sind die absoluten Klassiker die einen Gewerkschaftssekretär immer begleiten. Mal mehr mal weniger. Aufgrund der aktuellen Corona-Krise stelle ich fest, dass das Thema Kündigung wieder mehr auf uns zukommt.

Klassiker bei denen sich Betriebsräte an uns wenden sind natürlich auch Themen wie Betriebsänderungen und der Sozialplan/Interessenausgleich. Solche Themen führen dann auch gerne mal zu Streitigkeiten zwischen dem Arbeitgeber und dem Betriebsrat. Da muss man als Gewerkschaftssekretär auch mal - wenn es richtig hoch kocht - versuchen alles wieder ein bisschen runter zu kühlen. Letztendlich steht einfach das Ergebnis für unsere organisierten KollegInnen im Vordergrund.

Und mit welchen Themen melden sich, neben dem Thema Kündigung, unsere organisierten Mitglieder bei dir?

Die Brückenteilzeit ist oft ein Thema und dazu beispielsweise, wie man Anträge schreibt und wie man damit umgeht, wenn der Arbeitgeber die Brückenteilzeit ablehnt. Auch beim Thema Abmahnungen wenden sich die KollegInnen oft an uns. Wenn die KollegInnen das erste Mal eine Abmahnung erhalten, dann kommen natürlich Fragen auf wie: „was mache ich denn jetzt?“ und „wie gehe ich da am besten mit um?“.

Das sind Themen, welche die KollegInnen schnell gelöst haben wollen. Das Problem ist, wenn einmal eine Abmahnung ausgesprochen wurde, dann bekommt man die auch nicht so schnell wieder vom Tisch. Dann ist es auch immer eine strategische Frage, wie man mit einer Abmahnung in der jeweiligen Situation am besten umgeht, um für die KollegInnen den besten Schutz zu erreichen.

Ähnlich ist es auch bei Aufhebungsverträgen und Abfindungen. Natürlich wollen unsere Mitglieder so etwas schnell geklärt haben, aber manchmal sind die Themen nicht unmittelbar zu lösen oder es ist strategisch eben einfach nicht so klug unmittelbar zu reagieren. Da versuche ich dann, natürlich auf eine sehr behutsame Art und Weise, die KollegInnen wieder einzufangen und den KollegInnnen klar zu machen, dass Recht haben und Recht kriegen leider nicht immer das gleiche ist. Wir als IG BCE greifen bei solchen Fragen auf einen enormen Erfahrungsschatz zurück und können so betroffen KollegInnen mit Rat und Tat zur Seite stehen.  

Nun hat ja die Corona-Krise alles auf den Kopf gestellt. Kannst du die Themenschwerpunkte benennen die nun, seit Ausbruch der Corona-Krise, aus den Betrieben kommen?

Ja in erster Linie kommen Fragen zum Thema Kurzarbeit. Da entstehen Fragen: „wie geht man mit Arbeitszeitkonten um?“ oder, „muss ein Mitarbeiter ins Minus gehen, wenn ihm flexible Arbeitszeiten zur Verfügung stehen?“. Dazu kommen natürlich Fragen rund um das Thema Aufstockung des Kurzarbeitergeldes.

Derzeit merke ich, dass manche Arbeitgeber sogar, scheinbar aufgrund der Corona-Krise, versuchen tarifliche Regelungen in Frage zu stellen, wie zum Beispiel Aufstockungsbeträge die tariflich festgelegt wurden. Gerade jetzt, wo so viele Menschen von Kurzarbeit betroffen sind ist das eine enorme Errungenschaft.

Dann kommen natürlich auch Fragen zum Thema der Pandemie im Allgemeinen auf. Auch da kommen manche Arbeitgeber auf die Idee, völlig absurde Betriebsvereinbarungen abschließen zu wollen, die dann auch noch bei künftigen Grippewellen gelten sollen.

Man bemerkt eine Tendenz, das manche Arbeitgeber - ich betone nicht alle Arbeitgeber aber einige - versuchen bestimmte Dinge durchzudrücken, die sie immer gerne wollten. Da muss man dann schon wirklich sehr darauf achten, dass die KollegInnen, die bei uns organisiert sind, nicht benachteiligt werden.

Wie viele organisierte Betriebe aus deinem Zuständigkeitsbereich sind von Kurzarbeit betroffen?

Von den 44 Betrieben die ich betreue sind 10 in Kurzarbeit. Dazu gibt es natürlich viele Betriebe die über Kurzarbeit nachdenken oder diese konkret planen.

Bis jetzt konnten wir die Versuche von Arbeitgebern den Aufstockungsbetrag zu kürzen immer aufgrund der tariflichen Regelungen schützen. Da kann man mit mir überhaupt nicht drüber reden. Was ich mir vorstellen könnte ist, dass man Nicht-Mitglieder von der tariflichen Regelung der Aufstockung ausgeschlossen werden.  Aber unsere Mitglieder haben durch die jeweilige tarifliche Regelung einen Rechtsanspruch auf den Aufstockungsbetrag.

Das bedeutet, die Aufstockungsbeträge sind dann eher über Tarifverträge als über Betriebsvereinbarungen geregelt?

Die wenigsten Betriebsvereinbarungen sehen solche Aufstockungen vor. Nur Tarifverträge liefern beim Thema Aufstockung wirklich Sicherheit.

Was für Unterstützungsmöglichkeiten bietest du den Mitgliedern und Betriebsräten an?

Bei den Betriebsräten ist es vor allem die Beratung. Derzeit leider oft die telefonische Beratung oder via E-Mail oder Skype-Konferenzen. Bei den Mitgliedern ist es dann ähnlich. Auch hier steht die Beratung und die Prüfung im Vordergrund und bestimmte Fragen kann ich - im Fall der Fälle - auch an unsere Rechtsabteilung oder den DGB Rechtsschutz weiterleiten.

Kannst du abschließend noch 3 Stichworte nennen die Hoffnung in dieser schwierigen Zeit schenken?

Ja da fällt mir das Kölsche Sprichwort ein: „Et ist wie et is und et hätt noch immer jut jejange. Ett kütt eben wie ett kütt und ett is wie et is“.

Es ist wirklich manchmal schwierig. Wenn ich in die Glaskugel sehen könnte, wäre das natürlich schön. Kann ich aber nicht. Es kann alles gut gehen. Es sind eben auch globale Aspekte die da zusammenkommen. Wenn weltweit die Absatzmärkte einbrechen können wir uns hier dumm und dämlich strampeln. Wenn es im besten Fall schnell einen Impfstoff gibt und sich die wirtschaftliche Lage wieder beruhigt, dann gehe ich davon aus, dass wir den wirtschaftlichen Schaden wieder aufholen können. Aber wie gesagt, ich kann leider nicht in die Glaskugel sehen.

Glück auf!

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